Freitagsfäden Teil 25: Ich dachte wirklich, da draußen läuft jetzt jemand mit neun meiner Röcke herum.

Freitagsfäden Teil 25: Ich dachte wirklich, da draußen läuft jetzt jemand mit neun meiner Röcke herum.

Aber von vorne:
Vor ein paar Wochen ploppte eine Bestellung in meinem Shop auf. Über 800 Euro.
Ich habe erst einmal zweimal hingeschaut. Gerade jetzt, wo gefühlt jeder seine Kröten ein bisschen mehr zusammenhält, sind 800 Euro für Kleidung eine Hausnummer.

Und für KleinstadtMädchen sowieso.

Neun Röcke.
Zwei Taschen.
Ein Strickschal.

Alles bei einer ersten Bestellung.

Ich war also nicht nur euphorisch. Ich war auch kurz verwundert. Aber natürlich habe ich dann doch einen kleinen, vorsichtigen Freudentanz durchs Atelier gewagt. 😅

Und danach kam ziemlich schnell mein zweiter Gedanke: produzier jetzt nicht neun Röcke, bevor du weißt, ob Größe und Schnitt überhaupt passen. Denn ich nähe hier nicht auf Knopfdruck aus einem riesigen Warenlager. Also habe ich erst einmal einen Rock fertig gemacht und zusammen mit den beiden Taschen und dem Strickschal auf meine Kosten verschickt. Mit einer Nachricht von mir.

Sinngemäß: Probier bitte erst einmal den Rock an. Schau, ob die Größe passt. Ob du den Schnitt an dir magst. Es ist schließlich deine erste Bestellung bei mir. Dann nähe ich den Rest. Ich wollte vermeiden, völlig ins Leere zu produzieren.

Ich wartete.
Keine Antwort.

Noch einmal gewartet.
Keine Antwort.

Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen. Also habe ich weitergemacht.

Stoff für Stoff.
Rock für Rock.

Zuschneiden. Nähen. Fertigmachen.
Acht weitere Röcke.
Alle in XL.

Dann ging auch das zweite Paket raus. Wieder keine Antwort.
Und irgendwann dachte ich:

Okay.
Offenbar passt alles.
Offenbar gefällt alles.

Und als die Widerrufsfrist immer näher rückte, habe ich mich tatsächlich darüber gefreut. Über die Vorstellung, dass da draußen gerade jemand neun KleinstadtMädchen-Röcke im Schrank hängen hat.

Vielleicht schon einen trägt.
Vielleicht einen Lieblingsrock gefunden hat.
Ich fand den Gedanken ziemlich schön.

Und dann kam er. Am letzten Tag der Widerrufsfrist.
Der Widerruf.
Alles.

Ganz nüchtern.
Ganz formell.
Keine Erklärung.
Kein „Leider“.
Kein „Die Größe passt doch nicht“.
Kein „Ich habe es mir anders überlegt“.

Einfach: Widerruf.

Und wisst ihr was? Das macht mich traurig.

Nicht, weil jemand von seinem Widerrufsrecht Gebrauch macht. Das gehört zum Onlinehandel und selbstverständlich darf eine Kundin ihre Meinung ändern. Es ist eher dieses Gefühl danach.

Weil hinter diesen neun Röcken eben nicht nur eine Bestellnummer steckt. 
Da stecken Stoffe drin, die zugeschnitten wurden.
Stunden an meiner Nähmaschine.
Garn. Etiketten. Verpackung.
Zwei verschickte Pakete.
Shopgebühren. Zahlungsgebühren. Rechnungsgebühren. Versandkosten.

Und jetzt kommen neun Röcke in XL zurück. Eine Größe, die bei mir nicht zu den meistbestellten gehört.

Das bedeutet für mich nicht einfach: Retoureneingang. Ware zurück ins Lager.
Ich habe gar kein Lager mit 500 Röcken, in dem neun weitere kaum auffallen.

Ich habe jetzt neun fertige Röcke in einer Größe, die ich in dieser Menge niemals vorproduziert hätte. Und genau deshalb beschäftigt mich diese Bestellung.

Denn ich kenne die andere Seite genauso gut. Auch ich habe schon irgendwo gesessen, durch einen Onlineshop gescrollt und gedacht:
„Ach komm. Bestell ich mal. Zur Not geht’s zurück.“

So schnell ist das gesagt. Und vielleicht vergessen wir manchmal, dass dieses „zurück“ irgendwo anders wieder ankommt.

Bei einem großen Konzern vermutlich in irgendeinem Retourenzentrum.
Bei KleinstadtMädchen?
Bei mir.
Auf meinem Arbeitstisch.

Und vielleicht ist das mein Gedanke dieser Woche: Wir müssen nicht aufhören, Dinge zurückzuschicken. Aber vielleicht können wir anfangen, ein bisschen bewusster zu bestellen. Vor allem dort, wo Dinge nicht irgendwo aus einem Regal gezogen, sondern erst für uns gemacht werden.

Und meine neun Röcke? Die sind deshalb ja nicht weniger schön. Sie müssen jetzt nur neun andere Frauen finden. Das kriegen wir hin. 🖤

Und immerhin habe ich bei der ganzen Sache noch etwas gelernt:
Der neue Widerrufsbutton funktioniert.

Ausgerechnet der, über dessen korrekte Umsetzung ich mir die letzten Wochen noch den Kopf zerbrochen habe. 😏

Diese Woche im Atelier:
• kurz über 800 Euro gestaunt
• vorsichtigen Freudentanz gemacht
• versucht, auf Nummer sicher zu gehen
• neun Röcke genäht
• zwei Pakete verschickt
• ziemlich lange auf eine Antwort gewartet
• einen Widerruf bekommen
• ziemlich blöd geguckt

Blick nach vorn
Jetzt kommen die Röcke zurück.

Ich werde jeden einzelnen kontrollieren, wieder ordentlich einlagern und dann schauen, wie ihre Geschichte weitergeht.

Denn handgemacht bedeutet eben auch: Hinter jedem Stück steckt meine Zeit.
Und manchmal läuft es anders als gedacht.

Handgemacht. Punkt.

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